Geschichte des Bistums Limburg

Die Geschichte der Diözese Limburg gliedert sich deutlich in 4 Epochen. Die ersten 40 Jahre (1827-1866), zu denen man aber wohl noch das Vierteljahrhundert Vorgeschichte zwischen Säkularisation und Errichtung der Bistüme
Die Geschichte der Diözese Limburg gliedert sich deutlich in 4 Epochen. Die ersten 40 Jahre (1827-1866), zu denen man aber wohl noch das Vierteljahrhundert Vorgeschichte zwischen Säkularisation und Errichtung der Bistümer der Oberrheinischen Kirchenprovinz (1803-1827) hinzurechnen müßte, bilden die nassauische Zeit. Es ist die Zeit, da Limburg Landesbistum des Herzogtums Nassau (und der Freien Stadt Frankfurt) ist. Das kirchliche Hauptthema dieser Zeit ist das Verhältnis zum nassauischen Staatskirchentum in seiner Spannung zwischen relativem Sich-Abfinden, bzw. Bemühen um einen einigermaßen erträglichen Modus vivendi einerseits (so in der Vikariatszeit unter Beck und Corden und dann unter den ersten beiden Limburger Bischöfen) und dem Kampf um die Befreiung aus diesen Fesseln anderseits, wie er in zunehmendem Maße seit den 40er und 50er Jahren unter Bischof Blum geführt wird, ohne jedoch noch in nassauischer Zeit zum vollen Erfolg zu führen. Der „Friede" von 1861 bringt nicht den entscheidenden Durchbruch. Dieser ist vielmehr der preußischen Zeit vorbehalten, die 1866 durch das Ende des Herzogtums Nassau und seine Eingliederung zusammen mit Hessen-Kassel und der Freien Stadt Frankfurt in die preußische Provinz Hessen-Nassau einsetzt. Für die Diözese Limburg bedeutet die preußische Zeit in erster Linie das Ende der kirchenpolitischen Sonderentwicklung und die Eingliederung in das größere Ganze des Hauptstroms des deutschen Katholizismus. Eine dritte Zäsur ist nach dem Ersten Weltkrieg anzusetzen. Sie ist einmal durch das Stichwort „Wende zur Großstadt" bezeichnet: in der bisher ganz überwiegend agrarischen Diözese gewinnt der Frankfurter (und Wiesbadener) Katholizismus ein neues Gewicht, ja entwickelt sich langsam zum eigentlichen Schwerpunkt der Diözese. Durch neue geistige Zentren (in erster Linie der Dessauer-Kreis um die Rhein-Mainische Volkszeitung und die Philosophisch-Theologische Hochschule St. Georgen) wird die Diözese stärker in die geistigen Auseinandersetzungen des deutschen Katholizismus einbezogen, von denen sie bisher im Vergleich zu anderen Bistümern relativ wenig berührt war. Einen weiteren Einschnitt bildet selbstverständlich der 2. Weltkrieg und dann innerkirchlich das 2. Vatikanum. Diese Darstellung beansprucht nicht, alle Aspekte des kirchlichen Lebens der Diözese gleichmäßig und vollständig zu behandeln. Eine solche Bistumsgeschichte, wie sie etwa von Hagen für Rottenburg vorliegt, wäre ein Lebenswerk. Die vorliegende Arbeit setzt bestimmte Schwerpunkte, die ausführlicher behandelt werden, weil sie bisher noch nicht historiographisch angegangen worden sind oder weil sich aus dem untersuchten Material wesentliche Korrekturen oder Ergänzungen bisheriger Darstellungen ergaben. Jedoch möchte die Darstellung alle wesentlichen Entwicklungen wenigstens berühren, so daß sie bei aller Ergänzungsmöglichkeit durch spätere Detailforschungen einen Überblick über die Geschichte der Diözese Limburg bietet. Wer bisher nach einem solchen suchte, mußte auf die 1908 erschienene Bistumsgeschichte von Höhler zurückgreifen. Bei allem Wert, den diese noch heute hat, ist sie jedoch einseitig auf die Bistumsleitung fixiert und außerdem in Gesamttendenz, Auswahl und Wertung einer Sicht verhaftet, für die das ultramontane Bischofsideal des dritten Limburger Bischofs Blum den absoluten Höhepunkt darstellt. Auf ihn laufen bei Höhler alle Linien hin; an ihm wird alles Frühere und Spätere gemessen. Das ist bei aller Anerkennung, die der Historiker der Leistung und religiösen Bedeutung dieses Bischofs zollen muß, doch sowohl den ersten Anfängen gegenüber ungerecht wie späteren Zeiten gegenüber problematisch, die dann einen Spiegel vorgehalten bekommen, dem sie weder gerecht werden können noch dürfen. In erster Linie herangezogen wurden die Bestände des Limburger Diözesanarchivs (DAL) und des Hessischen Hauptstaatsarchivs Wiesbaden (HHStAW). Für einzelne Zeitabschnitte wurden noch andere Archive konsultiert: für die Vorgeschichte der ehemals Mainzischen Teile des Bistums die Protokolle des Aschaffenburger Generalvikariats im Bischöflichen Ordinariatsarchiv Würzburg (BOAW); für den „Nassauischen Kirchenstreit" (1553-1861) die Wiener und Münchner Nuntiaturakten sowie die Akten der Kongregation für die außerordentlichen Kirchlichen Angelegenheiten, beide im Vatikanischen Archiv (ASV); für die Zeit des Dritten Reiches die Gestapo-Berichte, soweit sie im Koblenzer Bundesarchiv erhalten sind, der Nachlaß Boklers im Bonner „Institut für Zeitgeschichte" (NWB) und das Frankfurter Domarchiv. Zur Vermeidung von möglichen Mißverständnissen sei hier eine begriffliche Klärung vorangeschickt. Wir verwenden die Ausdrücke „Aufklärung“ und ,,Ultramontanismus", bzw. die entsprechenden Adjektive in dem historisch deskriptiven Sinne, den sie seit geraumer Zeit in der Forschung haben. Weder eine negative Wertung noch eine begriffliche Fassung im Sinne der theologischen Systematik ist mit diesen Bezeichnungen verbunden. Mit der kirchlichen „Aufklärung“ ist ganz allgemein eine kirchliche Richtung gemeint, die sich stärker bemüht, die durch die rationale Kritik an der kirchlichen Überlieferung aufgeworfenen Probleme positiv aufzugreifen; sie betont die zentrale Rolle der Heiligen Schrift, die Wortverkündigung, das Lehrhafte, und ist durchweg skeptisch gegenüber der bunten und alle Sinne ansprechenden Fülle der Barockfrömmigkeit. Geschichtlich neigt sie dazu, auf die alte Tradition zurückzugreifen und vor allem die nachtridentinische, aber auch die mittelalterliche Epoche zu relativieren. - Ähnliches gilt für den Begriff „Ultramontanismus". Er ist in der heutigen Forschung kein Schimpfwort mehr, sondern historische Bezeichnung für jene kirchliche Richtung, die in der Mitte des 19. Jahrhunderts die Oberhand gewinnt und bei der sich folgende Elemente verbinden: Kampf gegen das Staatskirchentum; betonte Anlehnung an Rom; gleichzeitig ausgeprägte Volksverbundenheit; schließlich Wiederherstellung der durch die Aufklärung zurückgedrängten, jedoch nach wie vor „volkstümlichen'' kirchlichen Formen der früheren Zeit (vor allem Orden, Volksmissionen, Wallfahrten, Prozessionen, marianische Frömmigkeit etc.). Bei aller Differenzierung im einzelnen kann nicht bestritten werden, daß diesen Begriffen Realität innewohnt, freilich nicht im Sinne von theologisch-philosophischen Systembegriffen, sondern im Sinne von jeweils unterschiedlichen historischen Optionen. Drei Themen sind in der Form von Exkursen am Schluß angefügt. Es ist der nassauische Kirchenstreit (1853-1861), der relativ kürzere Exkurs über den Modernismus-Vorwurf gegen die Rhein-Mainische Volkszeitung 1926 und der Kampf um die katholische Jugend im Dritten Reich. Es sind Themen, die durch die notwendige Breite ihrer Darstellung den Gesamtrahmen sprengen würden. Dennoch ist die Form von Exkursen kein Hinweis auf mindere Bedeutung für den Leser. Denn besonders diese Beiträge enthalten wesentliche neue Ergebnisse über das bisher Bekannte hinaus. Und gerade das letztgenannte Thema dürfte sich, nicht zuletzt für damals Mitbeteiligte, größten Interesses erfreuen. Über die von den Beteiligten erlebten Geschehnisse hinaus enthält es zudem die Darstellung wichtiger Hintergründe und Überlegungen hinter den Kulissen.
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Metadaten
Author:Klaus Schatz
URN:urn:nbn:de:hebis:30-1037430
Series (Serial Number):Quellen und Abhandlungen zur mittelrheinischen Kirchengeschichte (48)
Document Type:Book
Language:German
Date of Publication (online):2007/03/13
Year of first Publication:1983
Publishing Institution:Univ.-Bibliothek Frankfurt am Main
Release Date:2007/03/13
SWD-Keyword:Bistum> ; Geschichte; Limburg <Lahn
Source:Mainz : Selbstverl. der Ges. für Mittelrheinische Kirchengeschichte
HeBIS PPN:185099009
Dewey Decimal Classification:230 Christentum, Christliche Theologie
Sammlungen:Sammlung Hessen
Licence (German):License Logo Veröffentlichungsvertrag für Publikationen

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