Extraktionszangen der römischen Kaiserzeit

1. Die einzelnen Schritte der instrumentellen Zahnextraktion in der Antike sind dem heutigen Vorgehen im Prinzip sehr ähnlich: das Ablösen des supraalveolären Faserapparates, die Luxation und das Herausziehen des gelocke
1. Die einzelnen Schritte der instrumentellen Zahnextraktion in der Antike sind dem heutigen Vorgehen im Prinzip sehr ähnlich: das Ablösen des supraalveolären Faserapparates, die Luxation und das Herausziehen des gelockerten Zahnes aus der Alveole längs der Zahnachse. 2. Wurzelreste sollten – folgen wir der antiken Literatur – durch eine spezielle Wurzelfaßzange, der „rizagra“, entfernt werden. Die antiken Texte erwähnen nicht die operative Entfernung von Wurzelresten durch Osteotomie. Der Hebel zur Zahnentfernung war den Römern höchstwahrscheinlich unbekannt. 3. Aufgrund der unkalkulierbaren Risiken bildeten sich in der Antike immer wiederkehrende Therapieschritte heraus, die für die Behandlung eines schmerzhaften Zahnes von sämtlichen Autoren medizinischer Abhandlungen empfohlen wurden: - medikamentöse Schmerzausschaltung - medikamentöse Lockerung der Zähne durch Gifte und starke Ätzmittel - Ziehen des gelockerten oder des bereits durch pathologische Prozesse beweglichen Zahnes mit den Fingern - Extraktion des Zahnes mittels einer Zange 4. Die instrumentelle Entfernung des Zahnes wurde nur im äußersten Notfall vorgenommen und wurde in erster Linie von Allgemeinärzten durchgeführt. Ärzte, die auf Zahnbehandlungen spezialisiert waren, werden zwar erwähnt („medicus dentalis“), kommen aber hauptsächlich in den Großstädten (Rom, Alexandria) vor und bilden dadurch die Ausnahme. Von einer „Zahnärzteschaft“ in der Antike kann daher keine Rede sein; wir müssen eher von einem „Außenseiterstatus“ dieses Berufsstandes ausgehen. 5. Die Zahnzange („odontagra“, „forceps“, „dentiducum“) bestand in der Antike aus Eisen. 6. Griff- und Faßteil aller Zangen bilden eine Gerade und entsprechen nach moderner Klassifizierung von Zahnzangen dem Typus der Oberkieferzahnzange. Demnach handelt es sich bei den römischen Zangen um ein Instrument, das die Unterscheidung in Unter- und Oberkiefer nicht kannte. Die einzelne Zange wurde sowohl im Ober- als auch im Unterkiefer sowie auf der linken als auch auf der rechten Kieferseite eingesetzt. Daher könnte man von einer Universalzange sprechen, allerdings mit einer entscheidenden Einschränkung: Die Römer unterschieden den Einsatz von Zangen für den Front- und Seitenzahnbereich. Die Faßenden oder Branchen lassen sich in unterschiedlichen Größen nachweisen, die ähnliche Abmessungen haben wie heutige Zahnzangen. Möglich ist auch, daß es sich bei den „kleineren“ Exemplaren um die in der antiken Literatur beschriebene Wurzelfaßzange, die „rizagra“, handelt. Im Gegensatz hierzu kommen die medizinischen Zangen aus Bronze als Zahnzangen nicht in Betracht, da ihre größere Branchenbreite eine optimale Zahnextraktion nicht erlaubt. Sie fallen zu groß aus und würden bei Luxationsbewegungen wie auch beim Greifen die Nachbarzähne unweigerlich beschädigen. 7. Die bis heute aufgefundenen Zangen decken einen Zeitraum ab, der von der Zeitenwende bis in die Spätantike des 4. nachchristlichen Jahrhunderts reicht. Die ältesten Fundstücke aus datierbaren Fundkomplexen sind die Zangen aus dem Bereich des augusteischen Fundplatzes von Augsburg-Oberhausen (früheste Zangentypen) bis hin zu dem Grabfund von Gadara (Jordanien) aus der Mitte des 4. Jahrhunderts n. Chr. Innerhalb dieser Zeitspanne bleiben die wesentlichsten Konstruktionsmerkmale der Zangen – bis auf die Gestaltung der Enden der Branchen – konstant, eine Erscheinung, die uns auch von der übrigen materiellen Sachkultur der Römer bekannt ist. Bewährte Werkzeuge, Instrumente oder Waffen werden über Jahrhunderte kaum verändert. 8. Zu den wesentlichen Konstruktionsmerkmalen zählen: - die bajonettförmige Gestaltung der Faßenden / Aufbiegung der Branchen - Die Hebelverhältnisse zwischen Griff und Zangenbranchen, die sich zwischen 1:1,7 und 1:2,5 bewegten und damit deutlich unter den Werten heutiger Zahnzangen mit 1:5 liegen, erlaubten demnach nur eine verminderte Kraftwirkung bei der Extraktion. - Das mit einem Schmiermittel beschichtete Zangenschloß setzte sich wahrscheinlich immer aus einem Eisenstift zusammen, der durch zwei angenietete, weichere Buntmetallscheiben fixiert wurde. Die Scheiben setzten die Reibung herab und gaben gleichzeitig den beiden eisernen Schenkeln der Zange eine entsprechende Führung bei Zangenöffnung und Zangenschluß. - Die relativ dünn ausgebildeten, runden oder kantigen Griffe wurden wohl mit einer Griffumwicklung (Textil, Leder) versehen, wodurch ein ergonomisches Zufassen erlaubt und ein Abrutschen der Hand bei Luxations- und Zugbewegungen verhindert wurde. - Ein Abgleiten der organischen Griffumwicklung vom Metall wurde durch die auffälligen und unterschiedlich ausgeführten Verdickungen am Griffende unterbunden. - Durchgängig läßt sich bei der Ausbildung der Branchen eine Veränderung hin zu einer Zahnzange erkennen, die den Zahn mögichst vollständig umfaßt. Im Verlauf von drei Jahrhunderten wurde eine technische Verbesserung vorgenommen: Die anfängliche kneifzangenartige Gestaltung der Branchen wurde zugunsten einer vertieften und hohlkehlartig ausgeformten Gestaltung der Faßenden aufgegeben, aus der sich schließlich die jüngsten Fundstücke mit dornenartigen Branchen entwickelten. Damit wurde der Halt der Zange am Zahn deutlich verbessert und die Gefahr einer Kronenfraktur herabgesetzt. 9. Trotz der beschriebenen Veränderungen der Zahnzangen blieben diese Instrumente von Anfang an multifunktional einsetzbar, da sie nicht nur zum Zahnziehen, sondern auch zum Entfernen von Splittern, Geschossen und Pfeilspitzen verwendet wurden. Daraus resultiert, daß sich keine ausgeprägte Typenvielfalt entwickelte, ein Phänomen, das wir auch von anderen medizinischen Gerätschaften aus der Römerzeit kennen. Bewährte Instrumente wurden über Jahrhunderte eingesetzt, ohne wesentliche Veränderungen zu erfahren. 10. Offenbar verläuft die Entwicklung der Zahnzange parallel zur Herausbildung einer medizinischen Betreuung innerhalb der römischen Armee. Beginnend in der Regierungszeit des Augustus hält diese Entwicklung bis in die Spätantike an. Ein gewisser Einfluß aus Griechenland ist wahrscheinlich, eine Weiterentwicklung durch die Römer gesichert. Möglich ist aber auch, daß die Zahnzange in der vorliegenden Form eine römische Erfindung ist. 11. Der Typus der römischen Zahnzange war dem Mittelalter nach heutigem Stand der Forschung unbekannt. Das europäische Mittelalter nahm Neuerungen aus der Welt der Araber auf (z.B. den Hebel) und entwickelte eigene Instrumente (z.B. den Pelikan). Bis in die Neuzeit (der Zeit des Barock und des Absolutismus) hinein war die Zahnheilkunde weitgehend in den Händen von Handwerkern (Barbiere, Zahnbrecher, niedere Wundärzte). Ob die Kenntnis der römischen Zahnzangen an dieser Entwicklung etwas geändert hätte, ist unwahrscheinlich. Erst durch den technischen Fortschritt des 19. und 20. Jahrhunderts kann die Zahnextraktion sicher und vorhersehbar durchgeführt werden (anatomische Zahnzange, Lokalanästhesie, Röntgenstrahlen, elektrische Lichtquellen und Motoren, kompressorbetriebene Absauganlagen).
show moreshow less
1. The individual steps used in the instrumental extraction of teeth in ancient times were very similar to those used in the modern day: The removal of the gingiva, the luxation and the ultimate extraction of a loose too
1. The individual steps used in the instrumental extraction of teeth in ancient times were very similar to those used in the modern day: The removal of the gingiva, the luxation and the ultimate extraction of a loose tooth from the alveole along the tooth axis have in essence remained the same. 2. The removal of fragments of the tooth were, if one were to follow ancient records, extracted with a special pair of tooth forceps for roots known as “rizagra”. Ancient writings do not mention the removal of root fragments by osteotomy. The use of the root elevator was most likely unknown to the Ancient Romans. 3. The incalculable risks involved in ancient times resulted in the evolvement of a routine procedure to treat a painful tooth, that all medical experts recommended. This involved: - Medicinal pain relief - Loosening the tooth with help of strong caustics and poison - Pulling out the loose tooth or the tooth which has been loosened through pathological processes with fingers - Extraction of the tooth with forceps 4. An instrumental extraction of the tooth was carried out only in case of an emergency and was performed by a General Practitioner. Doctors that specialised in treating teeth were, although mentioned in ancient history (medicus dentalis), an exception and were referred to in connection with big cities like Rome and Alexandria. One cannot really speak of dentistry as a separate profession in ancient times. It had an auxiliary status. 5. The forceps (“odontagra”, “forceps”, “dentiducum”) in ancient times were made of iron. The modern day literature assumes that forceps that were made of iron or bronze were used for the extraction of teeth. 6. The beak and handle of the forceps are in line and correspond to that of the modern day forceps used in the maxilla. It is clear from this instrument that the ancient Romans made no distinction in instruments used for the maxilla and the mandibula. The forceps were used for the maxilla and the mandibula and the left and right side of the jaw. Therefore one can speak of “universal forceps” but with an important limitation: They did make a distinction in the usage of the forceps for the teeth in the front or back of the jaw. Forceps have been found with different sizes of beaks, which are of similar sizes as the ones used in modern dentistry. It could however be that these were only a smaller version of the ‘rizagra’ that is cited in ancient literature as the tooth forceps for roots. The non-ferrous metal medicinal forceps are not considered to be dental forceps as their large beak does not allow an optimum extraction. During luxation movements they would damage the neighbouring teeth as a result of their size. 7. The forceps that have been found so far date from the turn of the millenium until approximately 400 A.D. The oldest datable findings are of forceps found in several excavations from Augsburg-Oberhausen (earliest type of forceps) till the tomb of Gadara (Jordan) dating back to the middle of the 4th century A.D. During this whole period the construction of the forceps remained very much the same, with exception of the changes made in the construction of the beak. This observation is familiar to us from studies of other areas of Roman culture. Tried and tested tools, instruments or weapons were used for hundreds of years without making any major changes in their construction. 8. The main characteristics in construction of the instruments were: - The bayonet-like structure of the beak. - The ratio of the axis between the beak and the handle of the lever measured about 1:1.7 to 1:2.5 - far less than that of the modern-day forceps, which lead to less effective pressure on the tooth during the extraction. - The lubricant-coated forceps latch probably was held together with an iron pin, fixed by two riveted soft non-ferrous metal discs. The discs reduced friction and gave appropriate guidance simultaneously to both iron blades while opening and closing the forceps. - The relatively thin-formed, round or square-edged handles probably were coated with an organic wrapping (textile, leather) that allowed ergonomic gripping and avoided slippage of the hand during movements of luxation and drawing. - The slipping of the organic grip wrapping away from the metal was avoided by differently designed swellings at the end of the grip. - Continuously you can find a modification within the design of the beaks leading to a forceps that follows the shape of the tooth. During the course of three centuries these technical improvements were made. The plier-formed design of the beaks at the beginning was superseded by an undercut and concave formed tip of the beaks. From this, the latest forceps with spikelike beaks were developed. This clearly improved the forceps’ grip on the tooth and the risk of a crown fracture was reduced. 9. Despite the abovementioned changes these particular instruments were widely multifunctional and were used not only in the extraction of teeth but also to remove splinters, bullets and tips of arrows. As a result of their multifunctional characteristic there was no further development of task-specific forceps, a phenomenon that was observed with other medical instruments as well. A functioning instrument was never really improved upon or changed. 10. Apparently the development of forceps ran parallel to the evolvement of a system of medicinal care in the Roman army. It started with the reign of Augustus and carried on up to the Late Antiquity Period in about 400 A.D. Perhaps it was a Greek influence that was further developed by the Romans or a purely Roman invention. 11. The Roman forceps were, according to present-day research, unknown in the Middle Ages. The European Middle Ages invented new instruments (e.g. the pelican) with ideas from the Arab world (e.g. the lever). Until the arrival of the modern era, dentistry was in the hands of the barber surgeons and general practicioners. Whether the development of the Roman forceps played a role in the change of this is doubtful. It is the technical innovation in the 19 th and 20th centuries that laid the foundations for the comfortable and safe extraction of teeth as we know it today (local anaesthetics, electric-powered dental drill, radiotechnology, compressor-operated suction appliance etc.).
show moreshow less

Download full text files

Export metadata

  • Export Bibtex
  • Export RIS

Additional Services

    Share in Twitter Search Google Scholar
Metadaten
Author:Leonardo Dude
URN:urn:nbn:de:hebis:30-35348
Referee:Helmut Siefert, Susanne Gerhard-Szep
Document Type:Doctoral Thesis
Language:German
Date of Publication (online):2006/12/14
Year of first Publication:2006
Publishing Institution:Universitätsbibliothek Johann Christian Senckenberg
Granting Institution:Johann Wolfgang Goethe-Universität
Date of final exam:2006/11/29
Release Date:2006/12/14
Pagenumber:207
HeBIS PPN:183181980
Institutes:Medizin
Dewey Decimal Classification:610 Medizin und Gesundheit
Sammlungen:Universitätspublikationen
Licence (German):License Logo Veröffentlichungsvertrag für Publikationen

$Rev: 11761 $