Mädchenerziehung in Mary Shelley’s Lodore : eine Analyse vor dem Hintergrund des kulturwissenschaftlichen Diskurses im 18. und 19. Jahrhundert

Female education in Mary Shelley's lodore

Fragestellung und Ziele
Die vorliegende Dissertation untersucht, auf welche Weisen der Roman Lodore von Mary Shelley die Erziehung von Mädchen inhaltlich und stilistisch gestaltet. Daran anknüpfend erforscht die Arbeit,
Fragestellung und Ziele
Die vorliegende Dissertation untersucht, auf welche Weisen der Roman Lodore von Mary Shelley die Erziehung von Mädchen inhaltlich und stilistisch gestaltet. Daran anknüpfend erforscht die Arbeit, welche Implikationen die Art der Darstellung für die Interpretation des gesamten Romans birgt. Die Analyse der Inszenierung der Mädchenerziehung dient somit als Basis und Fokuspunkt, durch welchen sich die weitere Erforschung der Sprache und Mechanismen des Romans sowie von Shelleys schriftstellerischer Handwerkskunst entwickelt.
Die Zielsetzung ist darauf ausgerichtet, zur Wiederentdeckung von Lodore beizutragen und eine holistische Neubewertung der Autorin Mary Shelley sowie ihres Spätwerks anzuregen. In Abgrenzung zum Gros der wissenschaftlichen Abhandlungen zu Mary Shelleys Spätwerk konzentriert sich die vorliegende Arbeit auf den Text als solchen in seiner Gestalt, seinem Inhalt und seinen Aussagen. Shelleys Biographie und ihre weiteren Veröffentlichungen wie etwa Frankenstein werden derweil bewusst ausgeblendet. Untersucht werden somit ausschließlich der Roman Lodore und das darin manifestierte Handwerk der Autorin, nicht jedoch ihr restliches Werk, ihre Person oder ihr Lebensumfeld. 
Methodik
Da Lodore das Thema Mädchenerziehung nicht explizit thematisiert, entwickelt und erprobt die vorliegende Abhandlung eine Methodik, die es ermöglicht, einen Text auf Aspekte hin zu erforschen, welche er nur peripher zu tangieren scheint. Um jene für den Untersuchungsschwerpunkt relevanten Details identifizieren zu können, die in den Text beiläufig, untergründig oder selbstverständlich verwoben sind und die Erziehung von Mädchen charakterisieren, stützt sich die Arbeit auf eine diskursanalytische und kulturwissenschaftliche Betrachtung dessen, was der Begriff „Mädchenerziehung“ im Kontext des 18. und 19. Jahrhunderts umfasst. 
Fundament dieser Sensibilisierung für die zeitgenössische, historische Perspektive auf die Erziehung von Mädchen sind, erstens, Abhandlungen der historischen Bildungsforschung zu Mädchenerziehung im 18. und 19. Jahrhundert in Europa und speziell in England. Zweitens werden aktuelle, wissenschaftliche Abhandlungen über den historischen Diskurs von Erziehungstheoretikern /-theoretikerinnen über Mädchenerziehung dazu genutzt, ein grundlegendes Verständnis aus moderner Perspektive auf die damaligen Denkmuster und Fragestellungen zu gewinnen. Drittens wird die Sensibilisierung für die zeitgenössischen Überlegungen und Ausdrucksweisen zum Thema Mädchenerziehung abgerundet durch das eigenständige Studium originaler Publikationen von Erziehungstheoretikern /-theoretikerinnen. Feinabgestimmt auf die Problemfelder und die historischen, erziehungsphilosophischen Grundpositionen untersucht die Arbeit in intensivem close reading die Darstellung der Mädchenerziehung und deren resultierenden Einfluss auf das Leben und Verhalten der weiblichen Figuren in Lodore.
Ergebnisse
Die Abhandlung erkennt unter der zunächst konventionell und unanstößig anmutenden Textoberfläche einen systematisch konstruierten, konsistenten Subtext. Die Dissertation charakterisiert die wiederkehrenden Techniken und sprachlichen Muster, mit denen der Subtext implementiert ist. Dadurch macht sie nachvollziehbar, inwiefern die emotionale Reaktion des Lesers auf den Roman im Sinne von Unverständnis, Irritation oder Amüsement nicht zufällig auftritt, sondern durch Mary Shelleys schriftstellerisches Handwerk bewusst provoziert wird. 
Im Subtext verborgen identifiziert die Dissertation, erstens, eine Einladung zur kritischen Betrachtung systemkonformer Wertvorstellungen zum Leben von Frauen in der Familie und in der Gesellschaft. Dabei demonstriert die Interpretation, wie der Roman traditionelle und literarische Idealisierungen von „Weiblichkeit“ entzaubert, während er gleichzeitig alternative, geschlechtsneutrale Lebensentwürfe für Frauen anerkennend präsentiert.
Zweitens beobachtet die Arbeit im Subtext vielfältige Hinweise auf Missstände im Lebensalltag von Frauen und weist nach, dass der Roman insbesondere Momente der geschlechtsdiskriminierenden Vorverurteilung durchgängig inszeniert. Diese Problematisierung versteht die Dissertation als eine Aufforderung an den Leser / die Leserin, den eigenen Leseprozess des Romans in Bezug auf Informationsdistribution, Disposition und Verteilung der Sympathien selbstkritisch zu reflektieren.
Drittens entdeckt die Abhandlung im Subtext des Romans, dass Lodore unterschiedliche Ansätze der Mädchenerziehung in Bezug auf die Ausbildung von „Weiblichkeit“ polyperspektivisch erkundet. Die Untersuchung zeigt auf, dass der Roman drei verschiedene Modelle der Mädchenerziehung einander gegenüberstellt, die sich ideologisch mitunter diametral gegenüberstehen. Die Analyse beschreibt, inwiefern sich die drei Modelle mit den gleichen Herausforderungen innerhalb der Mädchenerziehung beschäftigen. Hierbei wird ausgeführt, auf welche Weise der Roman die unterschiedlichen Lösungsansätze auslotet, die von den drei Modellen auf diese konkreten Problemstellungen angeboten werden und sie abwägend, jedoch ohne kategorische Abwertung nebeneinander positioniert. Die Arbeit resümiert, dass der Roman einerseits die Bedeutung, Ausbildung und Konsequenz von „Weiblichkeit“ durch Erziehung, und andererseits das Leben, die Ziele und das Verhalten einer Frau innerhalb der Gesellschaft als Resultat solcher Erziehung kritisch prüft. Im Zuge dessen veranschaulicht die Dissertation, welche Aussagen und Suggestionen der Subtext dabei in Bezug auf die Themenkomplexe „Weiblichkeit“ und „Erziehung“ transportiert. 
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Purpose and objective
This dissertation examines how the novel Lodore by Mary Shelley portrays the education of girls in form and content. It explores what insights can be derived from the depiction of female education 
Purpose and objective
This dissertation examines how the novel Lodore by Mary Shelley portrays the education of girls in form and content. It explores what insights can be derived from the depiction of female education to assist in interpreting the novel as a whole. The analysis of the representation of female education serves as a basis and focal point for research into the language and mechanisms of the novel, thereby serving as a key to experience the depth of Shelley’s craftsmanship.
The first objective of the paper is to contribute to the rediscovery of Lodore. The second objective is to encourage a holistic reassessment of Mary Shelley as an author as well as a reevaluation of her later works. The thesis differs from the majority of scientific treatises on Mary Shelley’s later works by focusing on the text itself in its form, content and ideas. To achieve this, the dimensions concerning Shelley’s biography and person as well as her other publications are disregarded in favor of a study of the text and penmanship. 
Methodology
Since Lodore does not discuss the topic of female education explicitly, this dissertation develops a methodology to study distinct aspects of a text that are only lightly brushed on.
In order to identify relevant details, that are integrated casually or as a matter of course into the novel, the paper draws on an understanding of what ‘female education’ in the 18th and 19th century encompasses. Said understanding is derived from an array of cultural studies and discourse analysis.
The basis of this sensitization to the contemporary perspective on the education of girls is comprised of three pillars. Firstly: treatises by the historical educational research concerning female education of the 18th and 19th century in Europe and specifically in England. Secondly: treatises on the historical discourse led by philosophers of educational theory on female education. Thirdly: original study of authentic publications by contemporary philosophers of educational theory on the education of girls. Finely tuned to the specific issues and sensibilities of the varying contemporary stances to female education, this dissertation examines in close reading the portrayal of the education of girls and the resulting influence on the life and conduct of the female characters in Lodore.     
Findings 
The thesis detects a subtext in Lodore that is systematically constructed and consistent. The paper describes the recurring techniques and patterns that implement the subtext. Thus the study demonstrates how Mary Shelley’s penmanship intentionally and expertly provokes a strong emotional response by the reader, like incomprehension, irritation or amusement, in order to direct the attention of the reader to certain aspects.
The dissertation perceives that the subtext invites the reader to study contemporary conservative ideas concerning the life of women inside the family and in society critically. The paper points out how the novel disenchants traditional and literary idealizations of ‘femininity’ while acknowledging a gender-neutral self-concept and way of life as a worthy alternative for women.
The study explains in what manner Shelley’s novel depicts how women are discriminated against in daily life because of their gender. The dissertation suggests that the novel encourages the reader to reflect self-critically on his / her own process of reading by continuously portraying how women are disadvantaged by bias based on their gender. This problematization is understood to be a prompt to the reader to question whether his / her judgement is unclouded by bias and whether his / her sympathies are distributed fairly. 
The paper observes that Lodore explores different approaches to female education relating to the development of ‘femininity’ from various angles. The thesis discerns that the text compares three different approaches to female education of opposing ideologies. The study asserts that the three discrete approaches are concerned about the same challenges that are posed by female education. The dissertation describes how the novel reviews the differing solutions pensively, that are offered by the different approaches, without depreciating any approach.   
The thesis illustrates how Lodore examines what ‘femininity’ through education denotes, how it develops and what ramifications it implies. Subsequently the paper delineates how Shelley’s novel ponders the way of living, goals and conduct of women in society critically, that result from ‘educated femininity’. Thereby the dissertation specifies which messages and assertions the subtext conveys about the concepts of ‘femininity’ and ‘education’.
The study shows how Lodore depicts ‘femininity’ as an imaginary construct that is culturally specific, up to personal interpretation and determined by culturally specific expectations. In the course of this the paper conveys how Shelley’s novel indicates that ‘femininity’ is acquired through education and not developed because of natural inclinations or divine destination.  
The dissertation observes how Lodore defines ‘femininity’ as eagerness to conform to male taste, which is expressed by constant willingness to prioritize male needs unconditionally and heedlessly. The thesis suggests that this kind of ‘femininity’ demands of the female characters in effect to enable men to act out and enjoy their personal concept of ‘maleness’. 
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Metadaten
Author:Julia Deckert-Schleithoff
URN:urn:nbn:de:hebis:30:3-613701
DOI:http://dx.doi.org/10.21248/gups.61370
Place of publication:Frankfurt am Main
Referee:Edgar Pankow, Barbara Rendtorff
Document Type:Doctoral Thesis
Language:German
Date of Publication (online):2021/06/27
Date of first Publication:2021/06/27
Publishing Institution:Universitätsbibliothek Johann Christian Senckenberg
Granting Institution:Johann Wolfgang Goethe-Universität
Date of final exam:2021/01/27
Release Date:2021/07/12
Tag:19. Jahrhundert; Mädchenerziehung
Lodore; Mary Shelley; Mary Wollstonecraft
Pagenumber:227
HeBIS PPN:481566104
Institutes:Neuere Philologien
Dewey Decimal Classification:820 Englische, altenglische Literaturen
Sammlungen:Universitätspublikationen
Licence (German):License Logo Veröffentlichungsvertrag für Publikationen

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