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Conley, Patrick

Das mythische Denken bei Ernst Cassirer nach der "Philosophie der symbolischen Formen"

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Kurzfassung in Deutsch

Ernst Cassirer, 1874 als Sohn einer weit verzweigten Kaufmannsfamilie in Breslau geboren, ein Jahr älter als Thomas Mann, ist heute in Deutschland nur wenigen Menschen bekannt. Er gehört zu jener Gruppe von Schriftstellern und Wissenschaftlern, die in der Zeit vor ihrem Exil ein hohes Ansehen genossen, später aber nur langsam Eingang in das Geistesleben der jungen Bundesrepublik gefunden haben. Lange Zeit gaben die großen Lexika seinen Todestag falsch wieder und in den umfangreichen Karteien des Deutschen Rundfunkarchivs, das, rein statistisch gesehen, einen adäquaten Eindruck von dem Bekanntheitsgrad einer Person vermittelt, kommt der Name "Cassirer" nicht vor. Trotzdem gibt es, bedingt durch das Interesse amerikanischer Wissenschaftler, eine umfangreiche Rezeptionsgeschichte, der Walter Eggers und Sigrid Mayer vor fünf Jahren mit einer gut recherchierten und vollständig kommentierten Bibliographie Rechnung getragen haben. Seit Ende der 80er Jahre gewinnt das Werk Cassirers auch im deutschen Sprachraum an Aufmerksamkeit. Heute, fast fünfzig Jahre nach seinem Tod, ist der umfangreiche Nachlaß Cassirers, der in der Beinecke Rare Book Library an der Yale University aufbewahrt wird, noch immer nicht publiziert. Der Felix Meiner Verlag, der für die nächsten Jahre die Veröffentlichung von Cassirers nachgelassenen Schriften angekündigt hat, veranschlagt die Nachlaßedition auf 20 Bände. Cassirers Briefwechsel soll gesondert erscheinen. Bereits der Umfang des bisher nicht in die Forschung einbezogenen Materials läßt darauf schließen, daß die unlängst aufgestellte Behauptung, "daß eine angemessene Beschäftigung mit Cassirers Werk noch aussteht", zu Recht besteht. Die vorliegende Arbeit hat es sich zur Aufgabe gemacht, den für das Verständnis der Philosophie Cassirers zentralen Begriff des Mythos im Hinblick auf sein 1923-1929 erschienenes Hauptwerk, der in drei Bänden vorliegenden Philosophie der symbolischen Formen, zu untersuchen. Für Cassirer sind Mythen Denkformen. Die Frage ist nun, inwieweit diese Betrachtungsweise des Mythos zum damaligen Zeitpunkt neu war und inwieweit es einer, aus heutiger Sicht, neuen Bewertung von Cassirers Mythostheorie bedarf. Cassirer erhebt den Anspruch, den Mythos aus sich selbst heraus erklären zu wollen. Damit verbunden ist die Kritik an einem zu eng gefaßten Begriff von Rationalität. Schon in der Einleitung zum ersten Band der Philosophie der symbolischen Formen stellt Cassirer die These auf, daß das mathematisch- naturwissenschaftliche Sein in seiner idealistischen Fassung und Deutung nicht alle Wirklichkeit erschöpft, "weil in ihm bei weitem nicht alle Wirksamkeit des Geistes und seiner Spontaneität" erfaßt sei3. Der Mensch begreift die Welt nicht nur in wissenschaftlichen Termini: Sprache, Wissenschaft, Kunst, aber auch mythische Denkformen bieten uns die Möglichkeit, ein eigenes Ich herauszubilden und unsere Umwelt zu strukturieren. Nach Cassirer erfaßt der Mensch die Welt in symbolischen Formen, von denen die Wissenschaft nur eine unter vielen ist. Aus der traditionell einseitigen Kritik der Vernunft sollte eine umfassende Kritik der Kultur werden. Im ersten Kapitel der vorliegenden Arbeit wird der historische Kontext von Cassirers Mythentheorie bestimmt. Autoren wie Vico und Hölderlin haben bereits lange vor Cassirer den Erkenntnischarakter von Mythen betont. Auch wenn ihre Namen in der Philosophie der symbolischen Formen nicht erwähnt werden, so läßt sich doch anhand früherer Arbeiten Cassirers ihre Bedeutung für sein Denken explizit nachweisen.

Cassirers Sprachbegriff ist Thema des zweiten Kapitels. Die Sprache ist die erste symbolische Form, deren Erkenntnischarakter in der Philosophie der symbolischen Formen eingehend untersucht wird. Was Cassirer im ersten Band dieser Schrift im Hinblick auf die Sprache feststellt, überträgt er im zweiten Band analog auf den Begriff des Mythos. Demzufolge wird im dritten Kapitel die Phänomenologie des mythischen Bewußtseins, in der Weise wie sie von Cassirer im zweiten Band der Philosophie der symbolischen Formen unternommen wird, in ihren wichtigsten Punkten nachgezeichnet. Die Untergliederung des Mythos in Denk-, Anschauungs- und Lebensform folgt Cassirers eigenem Schema. Besondere Beachtung verdient in diesem Zusammenhang die Beziehung zwischen Mythos und Religion. In einem Exkurs zur Biographie Ernst Cassirers soll untersucht werden, wie stark Cassirers Denken durch sein Studium bei Hermann Cohen an der Universität Marburg geprägt wurde und inwieweit er gegenüber der Marburger Schule als eigenständiger Denker verstanden werden kann. Obwohl Cassirer sich politischen Veränderungen gegenüber als hoch sensibel erweist - bereits im März 1933 verläßt er trotz seines fortgeschrittenen Alters als einer der ersten Intellektuellen Deutschland - finden sich in seinem Hauptwerk keine direkten Anspielungen zum Alltag in der Weimarer Republik. Gleichwohl ist seine Theorie vom Mythos nicht frei von politischen Implikationen, die im fünften Kapitel herausgearbeitet werden sollen. Der Blick auf Cassirers Vita ist daher auch als Einführung und Ergänzung zu den folgenden Ausführungen zu verstehen. Ist Cassirers Theorie des Mythos heute noch aktuell? Was läßt sich an der Struktur von seinem Mythosbegriff bewahren? Steht seine, dem wissenschaftlichen Denken entlehnte Herangehensweise an das mythische Denken nicht im Widerspruch mit dem Ziel, den Mythos aus sich selbst heraus zu erklären? Im Hinblick auf eine Mythoskonzeption, die die Forderung erhebt, das Andere als das Andere gelten zu lassen, bleibt die Explikation des Mythos als symbolische Form fragwürdig, da der Mythos bei Cassirer nur im Hinblick auf die späteren Wissenschaften verständlich und als Vorstufe zu diesen in seinem Dasein berechtigt ist. Aber gerade dadurch, daß Cassirer den Mythos in ein festes Schema der menschlichen Bewußtseinsstufen einordnet, gelingt es ihm, einer Instrumentalisierung des Mythos durch die Politik den Boden zu entziehen.

SWD-Schlagwörter: Cassirer, Ernst / Philosophie der symbolischen Formen ; Mythos ; Philosophie
Institut: Philosophie
DDC-Sachgruppe: Philosophie
Dokumentart: Diplomarbeit, Magisterarbeit
Quelle: Korrigierte Fassung der Magisterarbeit , http://www.conley.de/a_texte/1993-12-00_magisterarbeit.pdf
Sprache: Deutsch
Erstellungsjahr: 1993
Publikationsdatum: 02.08.2005
MD5-Fingerprint: md5-fingerprint.txt

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