Ein Wort an die antisemitischen Frauen

  • Suttner erklärt den Antisemitismus in ihrem Wort an die antisemitischen Frauen auch sozialpsychologisch. Ein Kernaspekt dabei sei die Feindseligkeit, die Hassfähigkeit, die der Mensch "gegen die Dinge wendet, die ihm störend, schädlich oder auch nur - unangenehm erscheinen". Diese Fähigkeit zu hassen werde "sehr leicht angefacht, denn er [der Mensch] ist froh, einen Gegenstand zu finden, auf welchen er die verschiedenen Richtungen seines Grolles concentriren kann." Hinzu komme, dass viele Menschen - vor allem jene mit niedrigem Sozialstatus - aus der Degradierung von Anderen an Selbstwert gewinnen würden. Suttner bezeichnet den Antisemitismus in dem Artikel von 1893 als "Gefahr für die Gesellschaft" und warnt auch eindringlich vor seinen noch latenten, aber nicht weniger gefährlichen Ausprägungen. Zwar werde (noch) kein Kampfruf wie 'Schlagt sie nieder!' ausgestoßen, doch "die Häufung der einzelnen Beschuldigungen, Verdächtigungen, Geringschätzungen" müsse früher oder später zu jenem Ruf führen. Die AntisemitInnen strebten an, die "Verfolgung" der Juden, "die jetzt noch außergesetzlich ist, zum Gesetz zu erheben". Der Antisemitismus an sich widerstrebe aber dem Prinzip der Gerechtigkeit und basiere auf fehlerhaften Argumentationen, sei also ein Vorurteil: Denn "[a]lle Schlechtigkeiten, Verbrechen und Vergehen, welche innerhalb der Gesellschaft begangen werden, sind individuelle Thaten und dürfen daher nur an den Einzelnen verpönt und bestraft werden." Indem man eine Gruppe ihrer "Glaubens- oder Raceangehörigkeit wegen" zurücksetze, tue man vielen Einzelnen unrecht. Suttner beschreibt das Phänomen, dass AntisemitInnen sich von ihren GegnerInnen permanent persönlich beleidigt und angegriffen und sich als Gruppe diskriminiert fühlten. Sie verwahrt sich gegen die Behauptung eines solchen Angriffs.

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Metadaten
Author:Bertha von Suttner
URN:urn:nbn:de:hebis:30:3-513433
URL:http://lithes.uni-graz.at/lithes/beitraege17_sonderbd_4/suttner_beitraege.pdf
ISSN:2071-6346
Parent Title (German):Bertha von Suttner als Soziologin / hrsg. von Eveline Thalmann, LiTheS Sonderband ; 4
Publisher:LiThes
Place of publication:Graz
Document Type:Part of a Book
Language:German
Date of Publication (online):2019/09/25
Year of first Publication:2017
Publishing Institution:Universitätsbibliothek Johann Christian Senckenberg
Release Date:2019/10/29
Tag:Freies Blatt. Organ zur Abwehr des Antisemitismus (Wien, 1892-1897)
GND Keyword:Suttner, Bertha von; Die Presse (Wien, 1848-1896); Antisemitismus
Page Number:5
First Page:88
Last Page:92
Note:
Erschien zuerst auch in: Bertha von Suttner: Ein Wort an die antisemitischen Frauen. In: Die Presse (Wien) Nr. 200 vom 23. Juli 1891, S. 1–2 (Feuilleton). Dann in: Freies Blatt. Organ zur Abwehr des Antisemitismus (1893), H. 122, S. 2–3.
HeBIS-PPN:456509933
Dewey Decimal Classification:3 Sozialwissenschaften / 30 Sozialwissenschaften, Soziologie / 300 Sozialwissenschaften
8 Literatur / 80 Literatur, Rhetorik, Literaturwissenschaft / 800 Literatur und Rhetorik
Sammlungen:CompaRe | Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft
CompaRe | Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft / LiTheS. Zeitschrift für Literatur- und Theatersoziologie
BDSL-Klassifikation:16.00.00 Jahrhundertwende (1880-1914) / BDSL-Klassifikation: 16.00.00 Jahrhundertwende (1880-1914) > 16.15.00 Zu einzelnen Autoren
Zeitschriften / Jahresberichte:LiTheS / Sonderband / LiTheS / Sonderband 4.2017
Journal:urn:nbn:de:hebis:30:3-513222
Licence (English):License LogoCreative Commons - Namensnennung-Nicht kommerziell 4.0